Denk mal! Im Dezember 2024...

„Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt? O komm, ach komm vom höchsten Saal, komm, tröst uns hier im Jammertal.“ (Evangelisches Gesangbuch 7,4)

Liebe Gemeinde,

alle Konfirmandinnen und Konfirmanden lernen bei mir, dass mit der Adventszeit das neue Kirchenjahr beginnt. Und im Neuen liegt ja bekanntlich auch der Zauber des Anfangs verborgen. In diesem Jahr ist es wohl auch die ausgesprochene und unausgesprochene Hoffnung, dass die Welt dem ersehnten Frieden ein Stück nähergebracht werden möge.

Wenn wir die Nachrichten ernst nehmen, sieht es allerdings eher umgekehrt aus. Es scheint, dass der Frieden deutlich gefährdeter ist als in den vergangenen Jahren. Die Konfliktherde in der Ukraine und Israel sowie an vielen anderen Orten der Welt kommen nicht zur Ruhe. Eine kluge Lösung ist nicht in Sicht. Ein nachhaltiger Ausweg aus dem Gewirr von Schuld und Aggression und immer neuer Schuld, die Menschen auf sich laden, liegt weit im Verborgenen.

Es ist finster in der Welt. Und nicht nur Christenmenschen sehnen sich nach einem Licht der Hoffnung.

Als Friedrich Spee im Jahr 1622 den Text des Gesangbuchliedes

„O Heiland reiß die Himmel auf…“ (EG 7) geschrieben hat, hatte in Europa der 30-jährige Krieg (1618-48) gerade begonnen. Es war Friedrich Spee, ein junger Magister der Theologie, der Moral und Philosophie an der Universität zu Köln, der später im Priesterseminar in Würzburg lehrte, der so sang und klagend rief. Knapp 30 Jahre war er alt, und neben seiner Lehrtätigkeit war er als Beichtvater vertraut mit den Skandalen der Hexenprozesse, in denen er seine Kirche in perverser Rechtsprechung schuldhaft am Werk sah. Er übte in einer Streitschrift („Cautio criminalis“) Kritik an der Praxis der Inquisition und zog den Zorn der Oberen des Jesuitenordens auf sich. Friedrich Spee wusste aus eigener Anschauung, was es bedeutet, dass die Welt ein Jammertal ist. Er litt daran, dass er viele Verurteilungen nicht verhindern konnte. Als Theologe hielt er fest daran, dass der Erlöser nicht kommen würde, um die Welt zu richten, sondern um sie zu retten; dass er gekommen war, um die Liebe Gottes vor das Gesetz und die Folter und den Tod zu setzen. In seiner Klage wandte er sich an den, der allein Schloss und Riegel, Ketten und Feuerzangen, peinliche Verhöre und Scheiterhaufen aus dem Weg räumen konnte – und der doch selbst Opfer menschlicher Lynchjustiz wurde.

Vom Himmel erwartete er alles, wo doch auf der Erde so viel Chaos herrschte.

Mich beeindruckt der Glaube an die Möglichkeiten Gottes, der aus den Worten Spees spricht. Und die ehrliche Sprache, mit der er – fast wie ein alttestamentlicher Beter eines Klagepsalms – die von ihm empfundene Not vor Gott bringt. „Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt? O komm, ach komm vom höchsten Saal, komm, tröst uns hier im Jammertal.“

Diesem drängenden Wunsch kann ich mich auch gut 400 Jahre später singend anschließen. Auch unsere Welt gleicht einem Jammertal, in dem Unrecht geschieht und Menschen Gewalt erleiden. Ist es nicht verständlich, dies Gott zu klagen und ihn um Trost und Hilfe zu bitten? Oder ist es naiv, weil wir Menschen es nicht vermögen, selbst Abhilfe zu schaffen? Ich bin davon überzeugt: Ein Gebet und eine aufrichtige Bitte sind immer der richtige Weg. Und das gilt gerade in der Adventszeit, in der wir auf dem Weg gen Weihnachten sind, dem großen Fest der Geburt Jesu, von dem wir viel, ja alles erwarten dürfen.

Am Ende aller Klage steht bei Friedrich von Spee die Hoffnung und adventliche Erwartung wie ein Vermächtnis. Wir hören und lesen sie im letzten Vers seines Liedes vom Heiland, der den Himmel aufreißen möge.

„Da wollen wir all danken dir, unserm Erlöser für und für; da wollen wir all loben dich zu aller Zeit und ewiglich.“

Das ist ein guter Adventswunsch und ein Ausblick in das neue Jahr!

Ihre Pfarrerin Dr. Yvonne Brunk