Denk mal! Im September 2026...

„ Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind." (Prediger 4, 6)

Liebe Gemeinde,
ist Ihnen auch aufgefallen, dass immer neue Schlagworte die Medien und allgemeinen Diskussionen bestimmen? Achtsamkeit ist ein Beispiel dafür. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Es ist sicherlich wichtig, auch gut mit sich selbst umzugehen. Das wusste schon Jesus, wenn er die Menschen dazu aufforderte „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ Denn ein gesundes Verhältnis zum eigenen Körper, zu den eigenen Bedürfnissen und Grenzen,
sind die Voraussetzung für ein erfülltes Miteinander. Wenn aber aus der Achtsamkeit eine Lebenshaltung mit quasi religiösem Anspruch wird, dann ist es an der Zeit, kritisch zu hinterfragen. Und auch Longevity, die auf Lebensoptimierung abzielt, um möglichst lange zu leben, steht für eine Bewegung, hinter der sich unterschiedliche Interessen verbergen. (z.B. Was muss ich essen, um 20 Jahre jünger auszusehen? 4 Säulen für ein längeres Leben, etc.) Wenn ich Menschen vor mir habe, die sich optimieren und so langlebiger machen möchten, dann sind das dankbare AbnehmerInnen für spezielle Ernährungsprodukte, Sportprogramme und medizinische Eingriffe. Immer gilt es, etwas zu tun, zu kaufen, zu konsumieren, was auf den ersten Blick für die Steigerung der eigenen Glückseligkeit von großer Bedeutung ist. Auf den zweiten Blick ist es manchmal einfach nur teuer! Nicht jedes Pülverchen, jede Maßnahme oder Operation führt zu einem zufriedenstellenden Ergebnis. Wozu also das ständige Optimieren? Ein enormer Druck wird aufgebaut und manche fragen sich: „Sind wir denn nicht gut genug?“ Wer setzt die Maßstäbe für das, was erstrebenswert ist?

Ich wage zu bezweifeln, dass es wirklich eine Bereicherung ist, die eigenen Bedürfnisse ständig zu reflektieren. Wer ständig um sich selbst, die eigenen Leistungen und Befindlichkeiten kreist, läuft Gefahr, nicht nur Gott aus dem Blick zu verlieren, sondern auch nicht mehr gemeinschaftsfähig zu sein. Denn das setzt voraus, den Blick auch einmal auf die Menschen zu werfen, die mit mir leben: in der Schule, im Beruf, der Familie, in meinem Dorf oder Quartier. Und hier bekommt der Monatsspruch für den September eine erstaunlich aktuelle Bedeutung. Im Alten Testament lesen wir beim Prediger
Salomo:

„Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind.“

Offensichtlich wusste man bereits vor mehreren tausend Jahren, dass Zufriedenheit ein hohes Gut ist. Der weisheitliche Prediger nutzt zur Verdeutlichung ein leicht verständliches Bild. Besser ist der dran, der eine Hand voll mit Ruhe genießen kann als einer, der beide Fäuste – also die doppelte Menge von etwas – fest greifen will und dabei doch nur Mühe und vergebliches Haschen nach Wind behält. Ihm bleibt letztlich nichts. Jetzt könnte man einwenden, dass es nicht der Haltung in einer Marktwirtschaft entsprechen kann, sich mit (nur) einer Hand voll von „etwas“ (Nahrung, Kleidung, Wohnraum, etc.) zufrieden zu geben. Wo bliebe denn da das Wachstum? Der Prediger hingegen führt uns vor Augen, dass alles Jagen und Eifern nach „etwas“ (Besitz, Jugend, Schönheit, Selbstoptimierung, etc.) vergeblich ist, bleibt doch in den vor Gier verkrampften Fäusten nur Mühe. Der Suchende hat nach Wind gehascht.

Liebe Gemeinde, innere Zufriedenheit und Lebensglück sind nicht das Ergebnis menschlicher Anstrengungen, die vom Zeitgeist getrieben werden. Wir können sie weder kaufen, noch machen. Innere Zufriedenheit und Lebensglück dürfen wir erfahren in den vielen Beziehungen, in die Gott uns hineinstellt. Im Miteinander mit der Familie und Freunden, in der Musik und Kunst, in der Natur, bei Saat und Ernte, im Zusammensein mit unseren Haustieren und in vielen ruhigen Augenblicken, die wir erleben dürfen.

Vielleicht ist es gar nicht so kompliziert: Unser Leben braucht nicht höher, schneller, weiter, achtsamer und langlebiger zu werden als das Leben, das Gott uns zugedacht hat. Wir dürfen das Leben einfach in Ruhe und Zufriedenheit leben mit dem, was Gott uns schenkt.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen wunderschöne Herbsttage voll strahlender Sonne, reifer Erntefrüchte, guter Begegnungen und innere Zufriedenheit, die Sie das Schöne im Leben in Ruhe genießen lässt.

Ihre Pfarrerin Dr. Yvonne Brunk